Lothar Franz

Eine Buchbesprechung: Satin Island Autor: Tom McCarthy

von: Lothar Franz

26/9/2016

Tom McCarthy´s „Satin Island“, ein Roman, der keinen richtigen Plot hat, ist für Berater_innen und Kunden_innen gleichermaßen interessant, da er unser Beratungssujet (Wissen was ist, Strukturen erkennen, innere soziale Logik offenlegen, die nutzbar gemacht werden kann) auf eine literarisch philosophische Weise kundig und kritisch beleuchtet. McCarthy beschreibt auf eine äußerst differenzierende und zugleich irritierende Art unsere Welt. Er skizziert mit geschickt verwobenen Fragmenten die Vielfältigkeit (Diversität) von Weltsichten. das Ringen um Erkenntnis und Wahrheit. »Was uns mit “Satin Island” in die Hände fällt, ist die formal gewagteste und intellektuell aufregendste Erkundung unserer Gegenwart, die in jüngerer Zeit unternommen worden ist.« (Süddeutsche Zeitung, 10.06.2016).

Tom McCarthy’s Protagonist arbeitet in einem Unternehmen, das sich mit den (Un)Möglichkeiten beschäftigt, Firmen und andere Organisationen darin zu unterstützen, Blaupausen für die Zukunft zu entwickeln. Er ist der hausinterne Anthropologe einer Unternehmensberatung und stellt sich dem Leser im englischen Original so vor: »I? Call me U« Ich? Nennt mich Du (engl. You). Schon hier wird signalisiert, dass die Bedeutungsfindung des »Ichs« (Autor und Berichterstatter) und des »Du« (Leser) nicht so einfach ist. U erhält den Auftrag, den »großen Bericht« zu schreiben. »Das erste und letzte Wort über unser Zeitalter.« Hier eröffnet McCarthy ein buntes, rasant voranschreitendes und schwindelerregendes Kaleidoskop von Ideen, Wahrnehmungen und Sinnzuschreibungen.

»Die Firma« – ihren Namen erfährt man nicht – »kontextualisiert und nuanciert Serviceleistungen und Produkte«, sie berät Kommunen und »unterstützt Regierungen, ihren Agenden das passende Narrativ zu liefern«. U’s Gedankenkaskaden beschäftigen sich mit zentralen Diskursen: Identität und Andersheit, Wiederholung und Originalität, Zeit und Erinnerung, Leben und Tod, Fiktion und Wirklichkeit.

Das Buch ist unterhaltsam spannend und verstörend kafkaesk zugleich. Es öffnet Perspektiven, …wenn man sich einlässt auf diese manchmal auch »beängstigend intellektuelle Tour der Force.« (Spiegel Online, 09.03.2016)

(Tom McCarthy: Satin Island, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2016)

 

 

 

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